Ausstellung in Eisenstadt 2017

Im Haus der Begegnung

"Das Blau der Frau"

Christian Ludwig Attersee - Radiosendung "MAHLZEIT - BURGENLAND"

anläßlich der Eröffnung der Ausstellung "das BLAU der Frau", Werke der Absolventinnen der Meisterklasse im Haus der Begegnung, Eisenstadt, 2016

Rede von Christian Ludwig Attersee

Guten Abend, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Künstlerinnen! Ich möchte Euch alle zur Eröffnung der Ausstellung

DAS BLAU DER FRAU der Künstlerinnengruppe IGEMOJN begrüßen.

 

Ja, ich habe leidenschaftlich gerne mit dieser Künstlerinnen-Gruppe „Igemojn“ über Malerei gesprochen, mein Unterrichtszickzack erprobt, über Jahre viele Wochen der Freundschaft gelebt, größtenteils in der Attersee-Malklasse an der Akademie Geras im Waldviertel. 

Um wirklich ans Ufer der Malerei zu gelangen, muss man sich an die Ränder des eigenen Alltags wagen, um letztendlich zu erfahren, dass jeder arbeitende Künstler seine eigene Insel immer wieder abschütteln muss, um zu erkennen, dass Licht und Schatten sich immer wieder neu reihen. Das eigenständige Wegerecht zu Frage und Antwort – ja selbst der fröhlich „klingende Dirigent“, ich spreche von Gottnähe, ist mit dabei, angedacht als Eingriff in die Grundregeln der Schöpfung, wir sprechen noch immer von Farbe und Pinsel – ist erreichbar, wenn die Neigung zum Jetzt wie Fieber zu Perlen den Menschen ergreift. Unsere Jetztnähe erwartet den großen Juwelier von Sternteppichen, von Milchstraßen und von Laternenküssen mit Farbe in den Pinseln.

 

Auf Wellenkämmen treibt Wangenrot, Brot und Äpfel – ein letzter Hauch – Gottnähe keimt ins Fleisch, der große Juwelier macht Platz für die Kunst. Der Künstler selbst ist plötzlich die tägliche Sonne – ich spreche nochmals von hart erarbeiteten Wegerechten ins Jetzt, in unsere Welt als großzügigste Behauptung. Künstler zu sein ist kein Abschiedskonzert von Himmel, Wasser und Erde, es ist vielmehr das selbst zugewiesene Recht, selbst Himmel, Wasser und Erde zu sein... und vielleicht ja auch nur auf einem Blatt Papier. Brot und Apfel zurückzuholen gleicht jetzt einer Wegbeschriftung, Fleisch im Licht heißen die neuen Boote... immer dabei die Farben schleudernder Tänzer und Tänzerinnen.

 

Lassen sie es mich poetisch formulieren, poetisch in das Blau der Frau als ein Stimmungs-Karussell eindringen, zumindest es umrunden.

 

Die Künslerinnen, die sich zwischen spröden Schatten, Wellen, Gesang und Unendlichkeit bewegen, kennen die Ebenen des Weitergaberechts, der Alphabete des Lebens. Kunstkonzept und Supermarkt, der Goldfisch im Schwimmbecken, ein kreisender Autoreifen, ja auch die Unzahl der freundlichen Säfte und Marmeladen, alles Zeug jedenfalls, um Fragen zu richten an die Grundregeln der Schöpfung.

 

Künstlerinnen sind, zur Gruppe geordnet, mit ihrer Malerei immer am Weg zu einem Erntedankfest. Ihr meist äußerst einsames Suchen richtet sich nach Wachheit und Hilflosigkeitsformen ihres täglichen Zustandes: ein kriegerischer Seilakt in gebrochenem Glas oder Blumenzucht aus Honig und Butter, zuletzt zumindest der Wunsch und Versuch, die bizarren Wunder der selbstgefundenen Wege, auch Knospen der Eigenständigkeit zu entlocken und diese als Angelfutter zu unterbewussten Mustern neuer Weltstücke zu nutzen.

 

 Das Blaustück

 

In der blauen Atmosphäre der unerklärlichen Widersprüche herumzuflattern ist vergleichbar mit der schönen Tätigkeit, Fliegen mit Mundtränen zu füttern; oder sagen wir es gleich strahlend wie Leuchtturmlicht: Glucksen und Geblöke sind Gott-Modifikationen. Frage: Ist die Kunst bis heute am richtigen Weg, oder setzen wir jetzt ein großes Fragezeichen?

Ein prachtvoller, blauer Kater streckt und leckt und borstet sich bei Einbruch der Dämmerung in einem blaublumigen Gartenallerlei, ungefähr so, als würde Arnulf Rainer gerade bei seinen Übermalungen sein Schwarz in rauschhafte Blautöne wechseln.

 

Gehen wir mit Gestolper, sonst kommen wir zu pünktlich zu diesen Farbtönen, die unsere Herzen brechen könnten, Pyramiden und Bällchen. Teppiche, gewebt aus blaufeuchten Blumen gesellen sich zu ins Himmelblau gepfeilten, glanznassen, schwarzblauen Zungen, die hochmütig wie Schiffsbuge nur zu dem Zweck, auch in eure Säle, eure Paläste, ja in eure Mitten einzudringen, um euren Alltag Welt zu erleben, zuletzt um die Melancholie und die Wunder eurer Bildstrände zu betreten, blaue Milchstraßen zu Frucht und Form zu bühnen.

 

Artistinnen balancieren blaue Wassergetränke auf ihren nackten Brustspitzen, eine Einstimmung. Der französische Künstler Yves Klein hat weibliche Körperformen, getränkt in Blau, auf weißen Tüchern abgeklatscht und somit der Malerei ein neues Stück Erotik zugesellt. Das Blau der Frau ist auch eine Verflechtung von Wetter und von Wasserfarbtönen schöner Tage; eine Behauptung. Schon die Impressionisten haben sich das Blau der Frau geborgt; Und wo wäre der Blaue Reiter ohne das Blau der Frau? wage ich zu fragen. Haben Sie je die Schatten der Frauen studiert – denn manche von diesen sind blau. Also schaut mal mit Liebe und Fantasie die Kreiseln der Nachbarinnen. Und plötzlich flattern blaue Gänse, blaue Schwäne, es flattert die blaue Vielfalt... Schauen heißt hier auch Finden.

 

In Wirklichkeit ist die Lösung des Blaus der Frau für mich sehr einfach: Frauen haben eine blaue Seele, ihr Blau ist schöpferisch und voll zärtlicher Kraft.

 

Was ist heute Kunst? Was ist Malerei?

 

Ein paar Sätze aus meiner Sicht der für mich ältesten und freiesten Form, Sprache in diese Welt zu stellen.

 

Malerei ist dadurch, dass wir so viele Medien haben, befreit von Informationszwängen, lässt sich reduzieren auf Farbe, Blei, Leinwand und Papier. Dadurch hat Malerei eine eigene Innerlichkeit und auch ein anderes Dahinter. Gute Malerei, verstanden als Kunst, birgt immer ein Geheimnis in sich, das sich im Unvollendeten manifestiert. Dadurch, dass ein Bild niemals vollendet sein kann, schafft es oft den Schritt, ein großes Kunstwerk zu sein und verpflichtet den ernsten Betrachter, das Werk als lebenserweiterndes Schriftstück zu verstehen, an dem er selbst weiterarbeiten kann.

 

Freilich gibt es neben der Poetik, Ernsthaftigkeit und auch Heiterkeit im Schatten der Kunst, angewandte Möglichkeiten und auch die Welt der Ironie und Comics.

 

Das Professionelle an der Malerei ist, dass der Künstler der eigenen Verzweiflung Herr werden muss, sich und die Kunst befreit von Pädagogik und Unbildung. Für mich ist bildende Kunst etwas Todernstes, das in einer Gesellschaft, die meist Sehnsucht nach Unterhaltung hat, geschützt werden muss; Pflicht der Künstler ist es, ihren Platz zu sichern – nur so kann sie in Kombination mit dem Anspruch an eigene Innerlichkeit, Jagd nach persönlicher Freiheit und Verständnis für ihre Einzigartigkeit auch in unserer jetzigen Welt bestehen.

 

Eine der Hauptaufgaben der Kunst ist es, Schmerz zu vernichten: so heißt jetzt das Lied der Erde.

 

Malerei und ihre Vielfalt ist mit Kriegsspielen vergleichbar. Die Welt ändern heißt das Leben ändern. Jedoch ist die Beschäftigung mit Kunst ein Grundkurs in Neugierde und Poetik, ein Weg, das Jetzt in eigenen Bereichen zu finden, Kreativitätsimpulse werden sichtbar. Kunstjagd heißt neue Lebenswege frei zu schaufeln.

 

Zum Abschluss ein paar Zeilen zum Kunstbetrieb in der Akademie in Geras, wir haben uns alle dort im Herbst 2013 zusammengefunden, zur Konzentration und auch zur Heiterkeit in Attersees Meisterklasse und im Besonderen zu dem Erlebnis, mit den heute ausgestellten Künstlerinnen drei Jahre außerhalb des Lärms der Gesellschaft Sackgassen zu besiegen und mit ihnen sichtbare Schritte in die Zahlenreihen der Schöpfung zu setzen.

Ja, diese Künstlerinnen haben sich zur Gruppe „Igemojn“ zusammengeschlossen und stellen seit drei Jahren mit wirklichem Erfolg ihre Werke aus.

Wirklich viel Eigenständiges haben die Künstlerinnen / Igemojn aus ihren persönlichen Sichten ans Tageslicht geangelt, Neues aus Linie, Form und Klang, aus impressionistischen Graslandschaften ans Tageslicht geschaufelt, versucht, im aktuellen Weltgewitter mit ihren Pinselschwertern neue Plätze für Fuchs und Gans zu fordern. Mit unterschiedlichsten Handschriften, Erfahrungen, Interessen und Ansichten versucht, in das Gesicht des aktuellen Kunst-Bergauf und –Bergab neue Augen zu stechen.

Ja, das und mehr macht die Bilder der Künstlerinnen nicht nur notwendig, es macht diese auch wirklich oft einmalig.

Die Ausstellung „Das Blau der Frau“ ist der sichtbare und tatkräftige Beweis, dass sich die Künstlerinnen der Gruppe „Igemojn“ ein bedeutendes Mitspracherecht in der aktuellen österreichischen Kunst erarbeitet haben.

Danke.